Mit großer Freude sind Ellen und ich der Einladung von Nicole Langholz (Nicki) gefolgt und haben sie und ihr blindes Pferd Lucero auf Mallorca besucht. Nicki, eine bekannte Fotografin, die mit ihren PureLook-Portraitbildern international sehr erfolgreich und gefragt ist, lebt mit ihren Pferden, Hunden und Katzen auf einer Finca im Süden von Mallorca. Sie ist eine Powerfrau, die sich in ihrer Freizeit aktiv für das Wohl der Tiere einsetzt. Auf ihrer Finca haben verwaiste, verwahrloste oder dem Tod geweihte Tiere einen neuen Lebensplatz gefunden. So auch ihr blinder Ex-Traber Lucero.
Einst ein erfolgreiches Sportpferd in der Traberszene und ein Champion in seiner Disziplin, wurde Lucero, als seine Leistung aufgrund einer Augenentzündung nachließ, aus dem Sport genommen und kaltherzig zur Seite gestellt. Die Augenentzündung wurde nicht behandelt, woraufhin Lucero erblindete. Das war sein Todesurteil. Mit nur fünf Jahren war Lucero auf dem Weg zum Schlachter. Da auf Mallorca Pferde nicht geschlachtet werden dürfen, müssen die armen Tiere noch eine lange, beschwerliche Reise auf das Festland erdulden.
Eine mallorquinische Tierschutzorganisation hat Lucero auf seinem Todesweg freigekauft. Zufälligerweise war Nicki gerade vor Ort, als Lucero vom Transporter geholt wurde. Es war Liebe auf den ersten Blick, und Nicki war entschlossen, sich diesem Pferd anzunehmen. So übernahm Nicki das abgemagerte, blinde Pferd und päppelte ihn mit sehr viel Hingabe und Liebe wieder auf.
Lucero (5-jährig) nach seiner Rettung.
Lucero ist unterdessen ein glückliches, topfittes Pferd, das sein Leben mit seinen Freunden auf Nickis Finca genießt. Das Wohl ihrer Tiere steht bei Nicki an erster Stelle, sodass die Tiere sich auf der ganzen Finca frei bewegen dürfen, viel Platz und bestes Futter haben und liebevoll gehegt und gepflegt werden. Nicki ist mit ihrem Lucero den Weg des Herzens gegangen. Sie hat an ihn geglaubt und intuitiv gespürt, was dieses Pferd braucht, damit er trotz seiner Sehbehinderung ein glückliches Leben genießen kann. Nicki hat Lucero beigebracht, auf Stimmkommandos zu hören, und Lucero vertraut seiner Besitzerin einschränkungslos.
Eine solche Verbindung wird einem nicht vom Himmel geschenkt. Es ist ein langer Weg, der viel Arbeit, Geduld, Konsequenz und auch Selbstreflexion abverlangt. Ein Fluchttier, dem ein lebensentscheidendes Sinnesorgan fehlt, muss sich voll und ganz auf sein Leittier verlassen können. Das bedeutet, dass sein Leittier — der Mensch — souverän und kongruent sein muss. Nur durch intensive Auseinandersetzung mit der Thematik und viel Herz ist es möglich, dass ein blindes Pferd einschränkungslos geritten werden kann. Nicki und Lucero haben das gemeinsam geschafft!
Ich stehe über die Gruppe „Pro Blind Horse" von Ellen Drost seit drei Jahren mit Nicki in Kontakt und bin immer wieder tief berührt über den Wandel, den Lucero in dieser Zeit dank Nickis Fürsorge und Liebe gemacht hat. Locker und lässig sitzt Nicki auf ihrem Lucero und führt ihn auf den unebenen Böden durch die Salinen am Naturstrand Es Trenc. Ellen und ich haben die beiden auf einem Ausritt mit Fahrrädern begleitet und waren beeindruckt, wie selbst- und trittsicher Lucero auf dem unebenen und morastigen Gelände lief, während wir auf unseren Drahteseln Mühe hatten, nicht in den Morast zu fallen.
Wenn man hinter Nicki und Lucero herradelt, käme man niemals auf den Gedanken, dass dieses Pferd nicht sehen kann. Das Einzige, das Lucero etwas stört, sind die vielen lästigen Stechmücken. Aber er bleibt souverän und geht trittsicher vorwärts. Selbst ein Reiterwechsel irritiert Lucero nicht — nachdem Ellen in den Sattel steigt und einige Runden auf der Polo-Reitbahn reitet, ist Lucero trotz Fremdreiter, Wind und Stechmücken völlig souverän und brav. Er ist ein tolles Pferd — ein wahrer Champion!
Amigo und Yvonne
Ein weiterer Tag unserer Mallorca-Reise war für einen Besuch bei einem anderen blinden Pferd eingeplant — Yvonne Mitschke mit ihrem blinden Amigo. Auch diese Geschichte ist einzigartig. Vor drei Jahren kontaktierte mich Nicki, weil sie wusste, dass ich auf Mallorca meinen Sommerurlaub verbringe, und erzählte mir von einer Freundin, die auf ihrem neu erworbenen Grundstück ein völlig vernachlässigtes, abgemagertes Pferd vorgefunden hatte. Das Pferd hatte weder Futter noch Wasser und stand auf dem großen, mit Steinen eingemauerten Grundstück.
Yvonne lebt seit mehreren Jahren auf Mallorca und ist aktiv im Tierschutz tätig — sie rettet Hunde aus Tötungsstationen und vermittelt sie an Tierfreunde; mittlerweile leben 17 Hunde bei ihr. Mit Pferden hatte Yvonne bis zu ihrer Begegnung mit Amigo keinerlei Erfahrung und war entsprechend überfordert, als sie ein Pferd auf ihrem Grundstück vorfand. Es stellte sich schnell heraus, dass dieses Pferd komplett blind war. Yvonne musste sich sofort mit den Grundbedürfnissen eines Pferdes auseinandersetzen und informierte sich über die Gruppe „Pro Blind Horse" über den Umgang mit blinden Pferden.
Als engagierte Tierliebhaberin hat Yvonne keinen Moment gezögert, alles zu tun, damit dieses blinde, abgemagerte Pferd, das mutterseelenallein sein Dasein auf diesem Grundstück fristete, schnellstmöglich optimal versorgt wurde. Sie war entschlossen, das Pferd aufzupäppeln und zu adoptieren. Es wurde dem damaligen Besitzer, der sich nicht um es kümmerte, abgekauft, und innert kurzer Zeit stand ein großer, schöner Offenstall für Amigo da — mit einem kleinen Ponykumpel dazu.
Bei meiner ersten Begegnung mit Amigo war er in einem sehr schlechten Zustand: viel zu mager, brüchige Hufe, ein stumpfes Fell. Er war auch nicht halfterführig und marschierte einfach geradeaus durch den Menschen hindurch. Heute ist Amigo ein wunderschöner Mallorquin-Hengst, absolut menschbezogen und lieb. Er teilt sein großes Grundstück, das zu Recht den Namen „Rancho Paradiso" trägt, mittlerweile mit drei weiteren Pferden, einem Junghengst und zwei Wallachen.
Amigo heute.
Die Kraft der Liebe
Die Geschichten von Lucero und Amigo sind einzigartig und berührend, weil sie zeigen, was durch die Kraft der Liebe möglich ist. Diese Pferde hatten das große Glück, dass sich ihr Lebensweg mit zwei großartigen Menschen kreuzte. Nicki und Yvonne lassen sich durch die Sehbehinderung ihrer Pferde nicht einschränken, ganz nach dem Motto „alles ist möglich" oder „wo ein Wille ist, ist ein Weg". Es ist schön zu beobachten, wie diese Frauen völlig absichtslos auf ihre Pferde zugehen, wie sie sich daran erfreuen, ihre Pferde glücklich weiden zu sehen, und keinerlei Erwartungen in Bezug auf Leistung oder Können an sie haben.
Ellen und ich durften teilhaben an diesen absichtslosen Begegnungen mit diesen Pferden, wir durften die Ruhe, Zufriedenheit und Würde dieser Pferde spüren und erlebten im Einklang mit der Natur wunderschöne Momente, die uns tief berührt haben. Es war eine wunderschöne Reise zu den blinden Pferden auf Mallorca und ihren großherzigen, engagierten Besitzerinnen.
Herzlichen Dank, liebe Nicki und liebe Yvonne! Es war toll bei und mit euch! Wir hatten viel Spaß, eindrückliche und wertvolle Begegnungen, und wir sind erfüllt von all den Eindrücken und Erlebnissen auf Mallorca.
Muchas gracias y hasta la próxima!
— Eveline